Abstract
<jats:p>Diese Dissertation untersucht, inwieweit die Fähigkeit zur Medienkritik sowie ein reflektiertes bzw. mündiges Verhalten im digitalen Raum einen präventiven Schutzfaktor gegen extremistische Radikalisierungsprozesse bei jungen Menschen darstellen kann – und welchen Beitrag Bildungsträger sowie Familien und Institutionen zur Stärkung dieser Kompetenzen leisten. Vor dem Hintergrund zunehmender Desinformation und digitaler Einflussnahme analysiert die Arbeit dabei insbesondere medienpädagogische Kompetenzen im Kontext sekundärer und tertiärer Prävention. Zunächst werden die für diese Arbeit zentralen Begriffe digitale Mündigkeit, Medienkompetenz und Radikalisierung definiert und im Kontext der Präventionsforschung verankert. Anschließend erfolgt eine detaillierte Darstellung aktueller Programme und Initiativen zur Förderung der Medienkritik, die sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene umgesetzt werden und das Ziel verfolgen, Jugendlichen die Fähigkeit zu vermitteln, digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen und extremistische Botschaften zu erkennen. Für die empirische Untersuchung wurde eine Methodenkombination aus quantitativen und qualitativen Verfahren gewählt. Zunächst erfolgte eine quantitative Erhebung mittels eines Online-Fragebogens, um den aktuellen Stand der Medienkompetenz und der Medienkritikfähigkeit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erfassen. Diese Analyse ergab eine signifikante negative Korrelation zwischen Medienkritikfähigkeit und Radikalisierungsgefährdung, was bedeutet, dass die an der Befragung teilgenommenen jungen Menschen mit einer ausgewiesen hohen Medienkritikfähigkeit eine geringere Neigung zur Radikalisierung aufweisen. Basierend auf diesen quantitativen Ergebnissen wurde ein Interviewleitfaden entwickelt, der als Grundlage für qualitative Interviews mit Inhaftierten und Haftentlassenen diente, die unter anderem aufgrund von Mitgliedschaften in terroristischen Vereinigungen verurteilt wurden. Die qualitative Analyse zeigt, dass die Interviewten von sich aus die Auffassung vertraten, dass eine besser ausgeprägte Medienkritikfähigkeit bzw. allgemeine digitale Mündigkeit ihnen möglicherweise einen anderen Lebensweg eröffnet hätte. Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen somit, dass digitale Mündigkeit sowie insbesondere die Fähigkeit zur Medienkritik, eine zentrale Rolle im Schutz vor extremistischen Einflüssen spielt. Junge Menschen mit einer ausgeprägten Medienkritikfähigkeit sind weniger anfällig für extremistische Manipulationen und Desinformation in sozialen Medien. Darüber hinaus zeigt sich, dass neben Bildungseinrichtungen auch Eltern eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung von Medienkompetenz einnehmen, indem sie durch ihren eigenen Umgang mit digitalen Medien als Vorbilder fungieren. Abschließend formuliert diese Arbeit bildungspolitische und pädagogische Empfehlungen, die eine stärkere Verankerung digitaler Mündigkeit im schulischen und außerschulischen Kontext anstreben und so langfristig zur Radikalisierungsprävention beitragen können. Abschließend wird auf mögliche Verzerrungen der quantitativen Stichprobe durch die Online-Erhebung sowie auf methodische Limitationen reflektiert. Künftige Studien könnten durch eine stärkere qualitative Vertiefung zusätzliche Perspektiven erschließen und Handlungsempfehlungen weiter schärfen.</jats:p>