Abstract
<jats:p>Die Vielzahl und Dimensionierungen der Stadterweiterungen im späteren Mittelalter lassen Aufbruchstimmung und Zukunftsoptimismus erkennen. Trotz geringer Ressourcen wurden Vergrößerungen und Erweiterungen großflächig und auf erheblichen Zuwachs angelegt. Erweiterungsprozesse zogen sich in der Regel über Jahrzehnte hin, wobei die auftretenden Strukturveränderungen nur interdisziplinär zu erfassen sind. Der materielle „Fußabdruck“ dieser komplexen Vorgänge sind neue Mauern, Straßen und Gebäude, mitunter sogar Gebäudetypen. Politisch und rechtlich erforderten Stadterweiterungen vor allem die Integration des „Neuen“ und die jeweilige Aushandlung von privilegierten und hinzukommenden Rechtspositionen. Konkurrierende korporative Rechte waren in Einklang zu bringen; Altstädte, Altstadterweiterungen, „Neustädte“ oder auch Vorstädte mussten politisch, sozial und ökonomisch funktional interagieren können. So finden Erweiterungen ihren Ausdruck von unterschiedsloser Integration des neuen Stadtteils bis hin zu komplexen Verfassungskonstrukten wie den rechtlich und bisweilen auch räumlich getrennten Doppel- oder Mehrfachstädten. Die vielfältigen Formen und Abstufungen, auf die man sich vorübergehend oder auf lange Dauer angelegt einigen konnte, deuten darauf hin, dass urbane Wachstumsprozesse nicht auf Vergrößerung oder Verbesserung reduziert werden können, sondern auch stets von Konflikten und Konsenssuchen begleitet waren. Im Band werden Perspektiven entwickelt, um Stadterweiterungen im Hinblick auf Topographie, Architektur, Verfassung, Wirtschaft und Alltagskultur zu analysieren und interdisziplinär zusammenzuführen, aber auch um einzelne Fälle und „Cluster-Einzelfälle“ in größere Konjunkturen und Aufschwungsphasen einzuordnen.</jats:p>